Wanjiras Geschichte

Ein lautes Klopfen riss mich an einem Samstag um 5 Uhr morgens aus dem Schlaf. Ich fragte mich, wer es sein könnte und öffnete vorsichtig die Tür. Vor der Tür stand eine junge Frau, die wahrscheinlich um die 24 Jahre alt war und ein Baby auf dem Rücken trug. Sie sah erschöpft aus und ihre Füsse waren staubig.

 

Die junge Frau senkte den Blick entschuldigend auf den Boden und lächelte nervös. Ich lächelte zurück und begrüsste sie in Kiswahili: "Habari yako?" Sie zögerte zu antworten und sagt dann in gebrochenem Suaheli, dass sie auf der Suche nach einem Job sei. An der Art und Weise wie sie sprach konnte ich erkennen, dass sie nicht aus meiner Gegend, sondern von einer weit entfernten Gemeinschaft stammte.   

 

   Frau Wanjira"Ich kann gut Kleider waschen, bügeln und Geschirr spülen; für 500 Kenianische Schillinge", fügte sie kraftlos hinzu. Dieser Betrag würde es ihr ermöglichen, die   Miete für ihren täglichen Schlafplatz zu bezahlen und Wesentliches wie etwa Lebensmittel, Brennstoff für den Ofen und Windel für das Baby zu kaufen.

 

Auch wenn in meiner kleinen Einzimmerwohnung kaum Arbeiten anfielen, empfand ich Mitgefühl mit ihr und konnte sie nicht abweisen. Ich bat sie einzutreten. Da ich mein Geschirr noch nicht gespült hatte, teilte ich ihr mit, dass sie mir mit dem Geschirr helfen kann.

Währenddessen bot ich ihr an, das Baby von ihrem Rücken zu nehmen und auf mein Bett zu legen. Dann fragte ich sie nach ihrem Namen. " Mein Name ist Wanjira und das ist meine Njeri" erklärte sie, während  sie auf ihr gähnendes Kind zeigte.

Während unsere Unterhaltung erfuhr ich, dass sie eine Ausbildung zur Bürokauffrau in einem College absolvierte, aber keine Arbeit gefunden hatte. Um zu überleben begann sie von Haushalt zu Haushalt zu gehen und den Menschen ihre Hilfe beim Kleider waschen und Haus putzen anzubieten.

Ich erkundigte mich, was für einen Beruf sie am liebsten ausüben würde, wenn sie die Wahl hätte. Ihre Augen fingen an zu leuchten. Sie unterbrach die Arbeit, um mir von ihren Träumen zu erzählen: "Ich möchte meinen eigenen Marktstand und Damenschuhe verkaufen", sagte sie lächelnd.

Sie erzählte mir, dass sie vor einem Jahr genügend gespart hatte, um sich eine Geschäftslizenz zu kaufen und einen Marktstand in ihrer Region einzurichten. Dann sei es zur Tragödie gekommen! Die Unterkunft eines Nachbars fing Feuer, das sich schnell in der ganzen Nachbarschaft ausbreitete. Neben anderen Häusern wurde auch Wanjiras Haus niedergebrannt.

Neben ihren Habseligkeiten verlor sie ihr ganzes Geld, das sie in einem winzigen Beutel unter ihrer Matratze aufbewahrt hatte. "35’000 Schilling sind weg", klagte sie und schüttelte traurig den Kopf. Ein paar Tränen schossen ihr in die Augen, bevor sie wieder zur Fassung kam und schweigend das Geschirr fertig spülte. Dann fragte sie, ob sie den Fussboden reinigen könnte. Ich antwortete ihr, dass das nicht nötig sei. Ich holte einen 500 Schilling-Schein für sie und wünschte ihr alles Gute.

 

"Vielen Dank, meine Schwester. Möge Gott Dich segnen", sagte sie warmherzig, als sie ihr Baby wieder auf ihren Rücken nahm. Ich beobachtete wie Wanjira hinausging und an die Tür nebenan klopfte. Ich fragte mich, ob ihr Leben heute anders sein würde, wenn sie ihre Ersparnisse nicht in diesem Feuer verloren hätte. Ich dachte darüber nach, wie viel besser ihre Situation wäre, wenn sie sich ein Bankkonto und eine Brandversicherung hätte leisten können. Die Realität war allerdings, dass sie sich einen solchen Luxus nicht leisten kann.

 

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